Presse2019-08-26T10:30:23+02:00

Inklusion statt Ausgrenzung: CODA-Familientag ein Volltreffer

Offenes Haus und offene Herzen
für gehörlose Eltern und ihre Kinder

Am Samstag, dem 06.Mai 2017 war in der Stiftung Hör-Sprachförderung Würzburg ein CODA-Familientag*. Geplant und durchgeführt haben diesen Tag:

  • Stiftung Hör-Sprachförderung
  • Dr.-Karl-Kroiß-Schule (Mobile Hilfen, Frühförderung)
  • Paritätischer Wohlfahrtsverband (Sozialdienst)
  • Evangelische und Katholische Gehörlosenseelsorge
  • Evangelische Gehörlosenjugend
  • Verband CODA- DACH

Herbert Dössinger begrüßte als Stiftungsdirektor die ca. 120 Gäste und Referenten. Er bedankte sich bei allen für die vertrauensvolle Zusammenarbeit bei der Planung, Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung. Besonderen Dank übermittelte er an die Lotterie „GlücksSpirale“ für deren großzügige finanzielle Unterstützung.

Am Vormittag hielt Anke Klingenmann einen Vortrag. Frau Klingenmann ist selbst gehörlos und hat hörende Kinder. Sie arbeitet als Sozialpädagogin beim „Kinderschutz e.V.“ in München. Sie ist bekannt als Moderatorin bei der Fernsehsendung „Sehen statt Hören“.

Ihr Vortrag hatte die „Stärkung der Erziehungskompetenz von Eltern“ zum Thema. Lebhaft informierte sie über die Entwicklung eines Kindes und über unterschiedliche Erziehungsziele. Gehörlose Eltern mit hörenden Kindern haben es oft schwer. Frau Klingenmann führte aus, dass es wichtig ist:

  • Erziehungsziele mit dem Ehepartner abzusprechen
  • beide Sprachen zu benutzen – Deutsche Gebärdensprache (DGS) und Lautsprache
  • den Kindern viel über Gehörlosenkultur zu erzählen
  • mutig auf die „hörende Welt“ zuzugehen z.B. hörende Schulkameraden einzuladen, an Elternabenden und Schulfeiern teilzunehmen.

Frau Klingenmann hielt ihren Vortrag in DGS. Gebärdendolmetscher übersetzten in Lautsprache, Mitarbeiter der Fa. Verba Voice übersetzten in Schriftsprache. So konnten alle Teilnehmer gut dem Vortrag folgen.

Am Nachmittag gab es für die Kinder und die Erwachsenen Workshops. Die Erwachsenen konnten aus folgenden Angeboten auswählen:

  • Erziehungskompetenzen stärken (Anke Klingenmann)
  • Grenzen setzen (Sozialdienst für Hörgeschädigte, Ehe-, Familien- und Lebensberatung)
  • Pubertät (evangelische Gehörlosenseelsorge)
  • Hilfen für CODA (Mobile Hilfen der Dr.-Karl-Kroiß-Schule, Angebote der EGG und EFL aus Nürnberg)

Für die Jugendlichen fand ein Workshop zum Thema „Identität CODA“ statt. Diese Gruppe leiteten zwei Vertreter vom Verband CODA- DACH.

Die Schülerinnen und Schüler wurden von der Evangelischen Gehörlosenjugend betreut. Bei wunderschönem Wetter spielten sie auf dem Sportplatz und machten sich auf eine „Schatzsuche“.

Die Kindergartenkinder spielten in der Schulvorbereitenden Einrichtung der Dr.-Karl-Kroiß-Schule. Betreut wurden sie von Mitarbeiterinnen der Frühförderung.

Zwischendurch gab es immer Zeit für Kaffee und Gespräche. Um 16.00 Uhr war der CODA-Familien-Tag zu Ende. Erwachsene und Kinder waren sehr zufrieden. Viele sagten, dass es solche Veranstaltungen öfter geben sollte.

*CODA = Children Of Deaf Adults

„Musik, nur wenn sie laut ist?”

Musiktherapie mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen

Es kann durchaus vorkommen, dass es auch mal etwas lauter wird, wenn mehrere Kinder in einem nicht allzu großen Raum mit Feuereifer damit beschäftigt sind, diverse Trommeln und andere Percussion-Instrumente zu bearbeiten. Oder wenn das gemeinsam gesungene Kinderlied von allen derart begeistert mitbegleitet wird, dass der gesungene Text „kläglich” in einer beeindruckenden Klangkulisse aus Rasseleiern, Triangeln, Regenmachern, Xylophonen, Schlitztrommeln, Congas, Becken, Klanghölzern und Djemben untergeht.

Musiktherapie für Kinder und Jugendliche mit Hörschädigung
Bei den Eltern, die auf dem Flur auf das Ende der Musiktherapiestunde warten, dürfte die durch die Tür klingende Geräuschvielfalt ein ums andere Mal eher ein mittelgroßes Fragezeichen und Verwunderung hinterlassen. Schließlich bringen sie ihre Kinder doch regelmäßig zur CI-Reha, um eine intensive Förderung und Betreuung beim Erwerb der Lautsprache sicherzustellen und auch, damit die Prozessoren individuell optimal angepasst werden können. Wie passt also Musiktherapie in diesem Zusammenhang ins Bild? Was für Außenstehende womöglich befremdlich wirkt, wird bei näherem Hinschauen durchaus nachvollziehbar und die Überzeugung, dass Musiktherapie eine sinnvolle Ergänzung im multidisziplinären Angebot der CI-Rehabilitation darstellen kann, verbreitet sich zunehmend. Das wird nach und nach auch durch wissenschaftliche Studien unterfüttert (z.B. Kerem 2009). Hierbei spielen verschiedene grundlegende Überlegungen bzw. Faktoren musiktherapeutischen Wirkens, die sich gegenseitig bedingen und ergänzen, eine Rolle.

Schulung der Höraufmerksamkeit
Funktionelle Aspekte der Förderung von CI-versorgten Kindern und Jugendlichen wie Hörtrainings, das Üben von Geräuschdifferenzierung, Höridentifikation, Selektion (Hören im Störschall) und Richtungshören können durch Musik bzw. musiktherapeutische Methoden bereichert werden, weil Musik bzw. gemeinsames Musizieren und Spielen sowie das Erkunden verschiedener Instrumente und Klänge eine große Anziehungskraft ausüben. Auch eignet sich Musik, die in all ihrer Diversität und ihren feinen Nuancen eine schier unerschöpfliche Bandbreite an Klängen, Frequenzen und Höreindrücken allgemein bietet, hervorragend als „Übungsfeld” für das zu schulende Gehör. Mit anderen Worten: Es gibt unglaublich viel zu entdecken. Auf spielerische Weise wird bei den Kindern das Interesse am Hören geweckt, ohne dass diese das Gefühl haben, sich anstrengen oder etwas leisten zu müssen. Eine interessierte Lauschhaltung lässt sich unter der Zuhilfenahme verschiedener Instrumente, der eigenen Stimme und einer Vielzahl musiktherapeutischer Spielinterventionen sozusagen nebenbei trainieren und etablieren. So müssen z.B. über den Raum verteilte Instrumente über das Gehör lokalisiert und identifiziert oder ähnlich klingende Instrumente genau differenziert werden. Oder an einer bestimmten Stelle eines Liedes müssen beispielsweise vorher besprochene Bewegungen ausgeführt oder Instrumente gespielt werden. Die Höraufmerksamkeit wird so zwanglos und spielerisch geschult.

Nonverbale Kommunikation
Neben der Hörfähigkeit, die mithilfe von Musik geübt und verbessert werden kann, zielt die Musiktherapie aber in erster Linie auf die Kommunikationsfähigkeit der Kinder ab. In diesem Zusammenhang spielt vor allem die Idee, Musik als nonverbales Kommunikationsmedium zu nutzen, eine sehr wichtige Rolle. Basale Kommunikation, jenseits sprachlicher Voraussetzungen und abgestimmt auf den jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes, wird so möglich und kann einen hilfreichen Zwischenschritt auf dem Weg zum Erwerb der Lautsprache darstellen. Innerhalb des freien gemeinsamen musikalischen Spiels können eine Vielzahl grundlegender kommunikativer Erfahrungen gemacht werden. Mithilfe von Instrumenten lernen die Kinder, sich selbst als Urheber eines Geräusches oder Klanges wahrzunehmen und bekommen durch die Reaktion des Therapeuten eine unmittelbare Rückmeldung auf ihre „Äußerung”. Über das gegenseitige Imitieren, Aufgreifen und Erweitern von musikalischen Aussagen entsteht Interaktion zwischen den Spielenden. So wird schließlich über das gemeinsame musikalische Handeln Kontakt hergestellt.

Geeignete Musikinstrumente
Hierbei kommen vorrangig die Instrumente zum Einsatz, die keine Vorkenntnisse erfordern und es ermöglichen, dass bereits über das spielerische Auspro-bieren Musik entsteht. Sehr gut eignen sich hauptsächlich Trommeln sowie andere Percussion-Instrumente, die dann zur freien Auswahl im Raum bereitgestellt werden. Bei dieser Art des gemeinsamen freien Experimentierens und Improvisierens kann aber auch gut die Stimme des Therapeuten zum Einsatz kommen um unmittelbar auf den Mitspieler einzugehen. So werden z.B. die Klänge der Instrumente mit der Stimme imitiert oder es wird begleitend gesungen. Gleichzeitig wird so der stimmliche Ausdruck der Kinder gefördert und ermutigt. Auch lassen sich in diesem Zusammenhang die Gemeinsamkeiten von Musik und Sprache nutzbar machen. Das Erfahren und Erfassen musikalischer Parameter wie Rhythmen, Pausen, unterschiedliche Tempi und Melodien im gemeinsamen musikalischen Spiel kann sich positiv auf das Erlernen der Lautsprache auswirken, der ja ebenfalls diese Parameter zugrunde liegen.

Soziale und emotionale Entwicklung wird gefördert
Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt, unter dem der Einsatz von Musiktherapie in der CI-Rehabilitation zu sehen ist, ist die Förderung der sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder. Bei hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen besteht in vielen Fällen, auch wenn sie nun mit CIs versorgt sind, ein erhöhter Förderbedarf, wenn es darum geht, sich sprachlich zu artikulieren und so Gefühlszustände auszudrücken. Ein musikalisches Angebot soll hierbei als Möglichkeit dienen, Emotionen auf nonverbaler Ebene zu artikulieren und diese auszuagieren. Sie können ihren Gefühlszuständen wie freudiger Erregung, Zorn, Frust, Angst oder Traurigkeit durch aktives Musizieren ganz intuitiv Ausdruck verleihen. Die Musik wirkt auch wie eine Art Ventil und mögliche Spannungszustände können gelindert werden, was eine generelle Steigerung der Lebensqualität zur Folge hat. Grundlegend ist hierbei auch die Idee, dass ein Heranführen der Kinder an die Kunstform Musik allgemein eine Bereicherung für ihr weiteres Leben und eine Steigerung ihrer Lebensqualität darstellt.
Durch das Musizieren in der Gruppe wird emotionales Erleben geteilt und wird für andere nachvollziehbar und verständlich. Im Zusammenspiel lernen die Kinder, das eigene Handeln und Erleben mit anderen abzustimmen und als eigene Persönlichkeit in einer Gruppe einen festen Platz zu haben. Hier bietet es sich an, in der Gruppe verschiedene Lieder zu singen und rhythmisch zu begleiten oder es wird gemeinsam getrommelt. Ebenfalls eine sehr gute Möglichkeit, Gefühlen in einem geschützten und spielerischen Rahmen in allen Schattierungen lustvoll Ausdruck zu verleihen und dabei die Erfahrung zu machen, fest in ein Gruppengefüge integriert zu sein, ist die gemeinsame freie musikalische Improvisation.
Und anders als in Herbert Grönemeyers bekanntem Lied, an dem der Titel dieses Artikels angelehnt ist, ist die Musik, die hierbei entstehen kann, mitnichten immer nur laut.

Felix Leitner
CIC Süd Würzburg

Literatur: Kerem, D. (2009): The effect of music therapy on spontaneous communicative interactions of young children with cochlear implants
Quelle: Schnecke – Leben mit Cochlear Implant & Hörgerät, Nr. 79, S. 22